Work-Yard-Balance

Aprilkolumne

1/3/20263 min read

Howdy aus Texas, liebe Lesende,

Der berühmte Front Yard (leider nicht meiner)

und willkommen auf meiner fernwestlichen Website! Benannt nach der (hoffentlich für irgendjemanden) legendären Kolumne für das neue Deutschland, welche von der Zeitung ̶ ich will ja keine Witze über die Linken und deren fragwürdigen Umgang mit Geld machen ̶ leider nach drei Jahren eingestellt wurde. Aber da ich keine Witze machen will, mache ich stattdessen folgende Aussage: Ich bin dem nD sehr dankbar für die letzten drei Jahre und vermisse die Regelmäßigkeit der Talke-Talks-Kolumne. Daher soll es ab jetzt einmal im Monat eine hier geben, ohne jegliche Entschädigung für mich. Es sei denn, Sie klicken hier auf etwas. Aber das müssen Sie nicht: Die Linke ist hier immer willkommen, ganz für umme!

Apropos Geldprobleme: Sie fragen sich, was ich diesen Monat gemacht habe? Was habe ich nicht gemacht, wäre vielleicht die angebrachtere Frage. Seit ich talklos bin, suche ich nach einer Alternative, einem Ausgleich, einem Ausweg, monetär und mental. Doch nichts scheint die Talks recht zu ersetzen. Ich schrieb erst über böse Muttis und wurde von einer dubiosen Frauenzeitschrift geghosted, dann schrieb ich über die Liebe zu meiner Hündin und brach ab, weil ich mir ihrer Endlichkeit bewusstwurde und diese nicht aushielt; daraufhin schrieb ich über politische Kunst, konnte mich aber mit meinem Co-Autor „Ezzes“-Estis nicht darauf einigen, was Kunst und was politisch ist. Auch plane ich seit Ewigkeiten ein Buch, versäume aber, auch nur einen Buchstaben in dessen Richtung zu tippen.

Vielleicht sollte ich mich mehr auf die amerikanischen Medien konzentrieren. Schließlich bin ich schon marginal auf Englisch journalistisch tätig. Wenn Nabokov bilingual Erfolg haben konnte, kann ich das auch! Ganz eventuell. Ich beschließe, meine monatliche Kunstkolumne für ein lokales Medium auszuweiten. Aber als ich versuche, dort mehr Artikel durchzupushen, stellt sich heraus, dass nicht nur die Linke, sondern auch die Mitte kein Geld mehr für Artikel hat. Ich versuche es bei anderen Linken, ich pitche und pitche und wenn Absagen kommen, bitche und bitche ich herum. Und ja, auch auf Englisch habe ich eine Buchidee, aber eine Lolita wird’s kaum.

Der April ist ohnehin zu schön, um drinnen zu ackern! Man muss nämlich jetzt gerade draußen ackern, bevor es zu spät ist. Nie wieder wird es im nordtexanischen Jahr so angenehm sein wie jetzt im April, wo milde, sonnige 20-25 Grad herrschen und es ab und an gar leicht regnet und die Mücken noch nicht komplett die Herrschaft über die stickigen Lüfte übernommen haben. Alles um mich rum blüht und gedeiht, die Gartenarbeit ruft. Diese soll gesund sein, aber warum, verdammt, ist sie so anstrengend? Erst trocknete alles Lebende aus starb mir weg, bis ich begriff, dass man in Texas nichts pflanzen sollte, was gut in Norddeutschland wächst. Ich pflanzte daraufhin regionales Gewächs an, von dem wiederum kaum etwas übrigblieb, weil Rehe es fraßen. Ich kaufte dann ein Mittel zur Rehabschreckung. Ich roch an dem Mittel zur Rehabschreckung. Ich verlagerte die Aufgabe der Rehabschreckung auf meinen Mann.

Dann wurde es kurzzeitig hübsch in meinem Garten. Bis die Krankheiten und Schädlinge kamen: Rosenrost, Sternrußtau, Spinnmilben, Blattläuse... Wie soll ich so meinen nachbarschaftlichen Vorgarten-Wettbewerb gewinnen? Und nein, ich meine das nicht metaphorisch, wir haben wirklich einen monatlichen Wettbewerb in der Community, bei dem man einen 100-Dollar-Gutschein fürs Gartencenter gewinnen kann (nachdem man 1.000 ausgegeben hat). Eher gewinne ich einen Pulitzer-Trostpreis fürs Pitchen als den Gärtnereiwettbewerb!

Zum Glück reißt mich ein geliebtes Aprilevent aus dem vermaledeiten Garten, die Dallas Art Week. Das ist eine jährliche Messe gepaart mit Galerieeröffnungen, Partys, Panels ̶ die perfekte Gelegenheit fürs „Shmoozing“, also Kontakte mir Galeristen, Kuratoren und Künstlern knüpfen. Und fürs „Boozing“: jede Kunstinstitution lockt mit Perlwein, ich fühle mich beflügelt! Von der zeitgenössischen Kunst, natürlich (ob die wohl politisch ist?). Kurz darauf erreichen mich mehrere Anfragen für Artikel und ich erfahre, dass bei den Linken und der Mitte noch etwas Geld zu holen ist. Ich mache mich an die Arbeit: Vielleicht reicht es ja für ein paar neue Pflanzen.