Memorial Month

Maikolumne

KOLUMNE

6/1/20263 min read

Howdy aus Texas, liebe Lesende,

nett, dass Sie mir einen virtuellen Besuch abstatten. Während Sie in Deutschland schön in den Mai tanzten und sich zu Pfingsten ausruhten, hatte ich den offiziell zweitstressigsten Monat des Jahres (nach dem Dezember). Mitte bis Ende Mai beginnen hier nämlich die Schulferien und bevor das geschieht, müssen Sommercamps gebucht, Memorial-Day-Paraden begangen und Abschlussfeiern für alle Klassenstufen so ausgiebig gefeiert werden wie in Deutschland der Ruhestand.

Warum Sommercamps? Weil die Sommerferien der Schulkinder elf Wochen dauern, während der durchschnittliche US-Erwachsene 15 Tage bezahlten Urlaub kriegt. Irgendwas muss man ja mit den Gören anstellen in all dieser Zeit, wenn man nicht will, dass sie vor den Bildschirmen versauern ̶ das tun sie schon in der Schule zur Genüge. Einfach in den Garten oder auf den Spielplatz zum Toben rausschicken ist bei den texanisch-stickigen 35 Grad keine gute Idee. Die Großeltern sind oft weit weg. Daher schwören hiesige Eltern auf Camps, in denen sie ihre Kinder von jemand Fremdem bespaßen lassen. Und wenn diese Kinder wiederum zu alt für Camps werden, werden sie selbst zu „Camp Counselors“ und setzen die Bespaßungskette fort.

Campanmeldungen sind, egal ob von der Schule, der Stadt oder privat organsiert, teuer und kompetitiv. Es gibt irre (oder kluge?) Eltern, die schon im Februar all ihre Sommercamp-Anmeldungen erledigen. Ich dagegen warte bis zum Mai ̶ da sind vielleicht die besten Angebote schon weg, aber dafür erhalte ich mir zumindest einen kleinen Rest meiner einst spontan-nonchalanten Fassade. Wer weiß, wo wir im Sommer sein werden? Letztes Jahr um diese Zeit schwankte ich aufgrund von Passproblemen noch zwischen Houston und Hamburg.

Was es für Camps in Texas gibt, wollen Sie wissen? Bibelcamps natürlich (das sind die billigsten, aber man bezahlt später am meisten, wie immer im Leben), Sportcamps, Naturcamps, Berufscamps, Musicalcamps, Cheerleading-Camps, und sogar Lern-Camps („Nein danke“, sagt meine Tochter). Schließlich entscheiden wir uns für einen Mix aus sakral und weltlich, teuer und günstig, lustig und langweilig ̶ wie das Leben selbst. Nun gilt es noch, keine der Camp-Regeln zu vergessen (nicht zu spät abholen, sonst Strafzahlung! Snacks mitgeben, aber keine Nüsse! Saubere Kleidung mitgeben, aber keine gute!).

Die Parade zum Memorial Day an der Schule meiner Tochter ist kitschig und rührend. Pfadfinder sind da und hissen eine riesige US-Flagge, Veteranen, die mit Schülern oder Lehrern verwandt sind, werden vorgestellt und beklatscht (Da fällt mir ein, wie der Sohn eines deutschen Bekannten seinen Großvater als Veteran zur Schulparade anmelden wollte. Einziges Problem: Opa war bei der SS). Die Lehrer spielen „Born in the USA“ während sie einen feierlichen Umzug durchs Schulgelände vollführen, begleitet von Polizeiautos. Die Kinder, aufgebrezelt in „red white and blue“-Klamotten singen den „50-Staaten-Song“ und auch ich bin in Rot-Weiß-Blau. Was ganz unschuldig mit einem US-Flaggen-T-Shirt begann, ist nun zu einer ganzen Fashion-Kollektion in unserem Haushalt herangereift ̶ Badeanzüge mit Flagge, Hüte mit Flagge, Shorts mit Flagge, Haaraccessoires mit Flagge, Hundekostüm mit Flagge...

Die Jahresabschlussparty besteht aus zwei Teilen, zuerst an der Schule, dann mit Freunden, die zu Hause unterrichtet werden (in den USA ist das sogenannte Homeschooling ja legal und beliebt, wenn auch nicht bei mir). In der Klasse essen wir labberige Pizza und trinken irgendwas, das den Zahnschmelz angreift. Die Klassenlehrerin umarmt uns alle, denn nächstes Jahr gibt es eine neue Lehrerin; auch ihr Mann ist dabei, den Kinder kennen und mögen ̶ es wird wieder rührend. Das Schuljahr ist vorbei, wir nehmen aufwendige Kunstwerke mit, die ich im Laufe dieses Sommers hoffentlich heimlich entsorgen kann und bezahlen die bescheidene Summe von 70 Dollar für die Schulunterlagen des nächsten Jahres. Am Community-Pool feiern wir dann mit schreienden Bälgern aus der Nachbarschaft, die sich um die Schwimmhilfen kloppen den Beginn des Sommers. Die Rührung ist fort, der blanke Horror ist da: Wie soll ich den elf Wochen langen Sommer durchstehen?

Nächsten Monat wissen Sie mehr. Talk to you soon!

Memorial Day
Memorial Day

Pfingsten? In den USA unbekannt

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