40 Jahr, blondes Haar

Junikolumne

KOLUMNE

7/1/20264 min read

Howdy aus Texas, liebe Lesende,

Ich weiß ja nicht, was Sie diesen Juni gemacht haben, aber ich bin vierzig geworden. Als 1986erin befinde ich mich unter Jahrgangsgenossen wie Lady Gaga, Usain Bolt und Lindsay Lohan in bester Gesellschaft. Der (wirklich) einzige Unterschied zwischen jenen Celebrities und mir: Ich war viel näher dran an Tschernobyl als sie, in utero und später, in Leningrad, jahrelang das radioaktiv verseuchte Obst und Gemüse ingestierend. Alles, was mir an mir selbst missfällt und nicht genetisch bedingt zu sein scheint, schreibe ich der Nuklearkatastrophe zu: Meine zu kleinen Zähne, meine Schilddrüsenunterfunktion, meine trockenen Haare, meine Gereiztheit, mein zu geringes Gehalt.

Aber meine Geburt in der UDSSR hatte auch Vorteile. Kinderkriegen war aufgrund der ganzen sozialistischen Misere gar nicht so in: Ich blieb Einzelkind. Und Einzelkinder kriegen bekanntlich immer mehr als Nichteinzelkinder ̶ von den Eltern, den Verwandten und vielleicht gar vom Leben selbst. So erfuhr ich kürzlich, dass seinen Geburtstag zu feiern als wäre es der wichtigste Tag im Jahr, sogar wichtiger als Weihnachten, etwas spezifisch einzelkindliches sei. Menschen mit Geschwistern planen also nicht Monate im Voraus drei exklusive Mahlzeiten, ein neuartiges Erlebnis, zwei Outfitwechsel und erstellen Wunschlisten mit Shoppinglinks, die sie an ihre Liebsten verschicken? Habe ich es etwa besser als Gaga, Bolt und Lohan?! Höchstwahrscheinlich nicht, aber ich bin, wie meine ganze Generation, manchmal etwas „delulu“ (aka wahnhaft oder irre).

So plante ich zu meinem 40. einen Trip in eine meiner US-Lieblingsstädte: Miami. Und diese Entscheidung ist an sich schon etwas delulu. Miami ist eine überteuerte Partystadt, wieso sollte man als mittelalte Muddi mit Mann, Kind und Spitz hinfliegen? (Der Spitz muss immer mit)! Doch ich hatte eine Mission. Mehrere sogar. Erstens, reiten am Strand. Seit meine Tochter vor ein paar Jahren mit dem Sport anfing, wollte ich es ihr gleichtun. Nicht nur wegen der ganzen Pferdeeuphorie hier in Texas mit den Rodeos und den glitzernden Reitoutfits; sondern auch, weil ich recht spät im Leben realisierte, wie sehr ich Pferde liebe. Also nahm ich ein paar Reitstunden, bürstete Mähnen, putzte Augen, duschte Poritzen und lernte, dass die Zähne von Pferden nie aufhören zu wachsen und vom Tierarzt angesägt werden müssen. Hätte ich mit meinen kleinen Beißerchen bloß das gleiche Problem!

Mein zweites Geburtstagsziel: Die Nikki-Beachbar, bevor sie nächstes Jahr für immer geschlossen wird. Ja, die, wo sie mit den Stoffservietten wedeln, halbnackt auf den Tischen tanzen und sich mit Schampus besprühen. Was macht man da mit Kind und Kegel? Lunchen natürlich. Und danach betrunken baden. Sollte nicht so schwer sein, solange das Kind nüchtern bleibt. Mein drittes Ziel war es, gut (für mein Alter!) auszusehen und Spaß mit der Familie zu haben. Also ließ ich mir die Haare bleichen und die Zähne gleich mit (klein, aber fein!). Letzteres war weitaus unangenehmer als den Pferdeanus zu reinigen. Dann ließ ich mir noch eine Ladung Nervengift in die Visage pumpen ̶ „ach ja, das ist gut, Mama, du hast viele Falten, ich will das später nicht“, pflichtete meine Achtjährige bei. Ich bereitete drei Outfits vor: Matchy (also gleiches Muster und Material, sehr floridianisch) Badeanzug und Tunika, matchy Reitklamotten mit meiner Tochter und ein Abendkleid für ein Dinner im Restaurant, das Casa die Gianna heißt (ob Jana oder Yana, in Italien heißt es Gianna). Was konnte schiefgehen? Nichts!

Mit ein paar minimalen Ausnahmen: Miami empfing uns mit einer Seetang-Epidemie, die zwar nicht jedes Badeerlebnis trübte, aber doch stank. Der Geburtstag selbst ging super los: Nikki Beach, die legendäre Partydestination mit einer traurigen Hintergrundstory (die Tochter der Gründer starb bei einem Autounfall, sie liebte Partys und Schmetterlinge und so benannten die Eltern den botanischen Beachclub nach ihr) hatte gutes Essen und noch bessere Drinks. Einer der zehn Kellner ließ allerdings mein Champagnerglas fallen und eine Scherbe schnitt mir eine kleine Wunde ins Bein. Bringen Scherben nicht Glück? Nach meinem leichten Mittagessen (der Salat hieß nicht umsonst „Skinny“, der Rest der Kalorien musste mühsam aus Flüssigem gewonnen werden) warf ich mich fröhlich in den gerade seetanglosen Ozean. Zuvor schmiss ich meinen Schmuck irgendwohin ̶ mir schien, in die Hände meines Mannes. Als ich aus dem Wasser stieg, hetzte er mich: Die Pferde warten! Auf dem Weg zu ihnen merkten wir, dass alle drei Ringe, die ich besitze (Verlobung, Hochzeit, Weihnachtsgeschenk) weg waren.

Wir ignorierten diesen scheußlichen Verlust, genossen unsere Reitstunde. Auf dem ganze 21 Pferdejahre alten Gaul namens Tequila ritt ich stolz über den Strand und watete gar durchs Wasser, dabei einen Cowboyhut tragend; alle drei von uns gaben später zu, dass das Reiten das Highlight der ganzen Reise gewesen war. Doch vor dem Dinner beschlossen wir, nochmal an den Strand zu fahren ̶ als ob drei dünne Ringe stundenlang im Sand an der gleichen Stelle liegen bleiben würden! Die drei verzweifelten Figuren, die mit Händen und Füßen im Sand buddelten, lockten schnell mitleidige Badende an. Ein Mann empfahl uns, einen Metalldetektor zu kaufen.

Beim Gianna-Dinner bekam Jana-Yana eine Weinflasche geschenkt. Es war der beste Tag, wenn ich den Verlust ausblendete ̶ natürlich hatte ich längst die Preise der Ringe gegoogelt, noch bevor mein Mann emotional proklamierte, er würde mir neue kaufen. Da wusste er noch nicht, dass sich die Preise für die Dinger fast verdoppelt hatten. Am nächsten Morgen jedoch hatte er einen Termin mit einem Metalldetektor-Strandtypen gemacht, was sich als echter Miami-Job herausstellte: ich schlief hoffend ein.

Am nächsten Morgen, immer noch vierzigjährig und ringlos erwachte ich zu einem Foto meines Mannes bei WhatsApp: Seine Hand, und in ihr meine drei Ringe sowie ein bisschen Sand. Für einen Bruchteil der Ringpreise hatte der Metalldetektor-Mann innerhalb von ein paar Minuten alle Schmuckstücke wiedergefunden. Dieses glückliche Ereignis verleitete uns dazu, weiterzufeiern und so wurde aus dem delulu-Geburtstag eine ganze delulu-Geburtstagswoche, wie es ich für ein Einzelkind gehört.

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