250 Jahr, graues Haar
Julikolumne
KOLUMNE
8/4/20263 min read


Auch mein Hund hat einen rot-weiß-blauen Schal
Howdy aus Texas, liebe Lesende,
im Juni feierte ich Geburtstag, im Juli war mein neues Heimatland dran. Und nicht irgendein Geburtstag, sondern ein sehr runder, noch runder als meiner: 250 Jahre. Das ist etwas Besonderes und, wie im Radio geworben wurde, ein „once in a lifetime event.“ Nur einmal im Leben? Mit Entsetzen rechnete ich aus, dass ich beim 300. Geburtstag der USA 90 Jahre alt sein würde. So alt ist in meiner Familie noch nie jemand geworden und es ist im Zeitalter der KI-Verdummung unklar, ob es überhaupt erstrebenswert ist, dieses Alter zu erreichen. Also entschloss ich mich, das 250. Jubiläum der USA schonmal ausgiebig zu feiern, nur für den Fall.
Bisher war der US-Unabhängigkeitstag für meine Familie nämlich keine große Sache ̶ es ist immer zu heiß, die Paraden sind allesamt öde und die Feuerwerke verpassen wir ständig, weil es abends in der Stadt zu voll wird und wir im Stau stecken bleiben. Also nicht falsch verstehen, wir haben natürlich, wie alle guten US-Staatsbürger, die wir ja auch seit letztem Jahr sind, ein Arsenal an Stars-and-Stripes-Klamotten, an Haus-Innen- und -Außendeko, Servietten und gar „Coozies“ mit US-Flagge (das sind Neopren-Hüllen für Bierdosen und andere Drinks, die die Hand trocken und den Alkohol versteckt halten). Am 4. Juli gibt es bei uns Talkes auch amerikanisches und amerikanisiertes Essen in Form von Wings und Nachos sowie Bier (nur Sam Adams, das sich an das Reinheitsgebot hält und deswegen nach Deutschland exportiert werden darf!); auch habe ich eine kitschige USA-Playlist mit Hits wie „Surfin USA“, „California Girls“ und einem debilen Song namens „Chicken Fried,“ worin es, Sie ahnen schon, um frittiertes Hähnchen, aber irgendwie auch um die Armee geht.
Die USA sind gerade, wie es täglich in den Medien heißt, gespalten „wie noch nie“. Ich glaube, dass die USA schon immer gespalten waren und sich mit der Zeit einfach die Parameter geändert haben, für das, was gerade als Spaltung definiert wird. Wie kann man sagen, dass sich das gesamte amerikanische Volk vor ein paar Jahrzehnten näher stand als heute, wenn damals Rassismus, Homophobie und Misogynie viel stärker ausgeprägt waren und die Toleranz viel schwächer war als im 21. Jahrhundert? Aber natürlich ist die Gesellschaft auch heute gespalten. Und unzufrieden mit ihrem Heimatland – das sah ich deutlich am 4. Juli.
Denn ich wollte ja, wie erwähnt, groß feiern und beschloss, die Familie nach San Antonio zu schleppen, die Wiege des texanischen Patriotismus. Ich erwartete ein tolles Treiben wie das auf dem Kölner Karneval und dem Times Square an Silvester zusammen. Stattdessen ging es ziemlich schnarchig zu. Die hübsche Stadt hatte sich rausgeputzt und früh am Morgen eine sehr gut organisierte Parade dargeboten. Und danach? Tja, wir waren am Alamo, wo um die Unabhängigkeit von Texas gekämpft wurde, sahen ein paar sehr langsame Opas Schießübungen mit historischen Waffen aufführen. Wir aßen in einem sehr netten Restaurant mexikanisch und verpassten mal wieder das Feuerwerk. In einer kleinen Stadt, in der alles zu Fuß zu erreichen ist: Wie kann das möglich sein?
Wir wollten uns nur rasch etwas zum Anstoßen holen! Und schon war das Feuerwerk vorbei. Wir rannten fast aus dem Kiosk, vergaßen nach 10 Jahren Emigration gar, dass man in den USA gar nicht draußen trinken darf, woran uns ein netter Polizist erinnerte. Ich steckte die Dose schnell in die Handtasche, während mein Mann zu diskutieren begann. Als weißer Mann kann er das ja ohne Angst tun, trotzdem wäre es klüger gewesen, unsere Coozies dabeizuhaben! Das Feuerwerk war also rum, es wurde still und alle gingen nach Haus. Keine wilden Partys, überfüllten Bars, verbotenen Feuerwerke, nichts. Ist das ein Zeichen für die endgültige Gesellschaftsspaltung?
Diesen Sommer habe ich aber auch Einigkeit zwischen den Amerikanern beobachtet. Zum einen, durch die Freude darüber, dass Tournisten aus aller Welt wegen der WM in die USA strömten und es hier mochten. Das ist ja nun wahrlich kein neues Konzept, aber es überraschte die desillusionierten Amis offenbar und erfreute sie ungemein. Und dann wurden die Amerikaner auch noch vereint durch Schadenfreude: Aus den Nachrichten erfuhren sie von der Hitzewelle in Europa und der Weigerung vieler Länder, überall Klimaanlagen zu installieren wie hierzulande. „Wir haben es doch ganz gut hier“, hieß es dann vermehrt. Es eint die US-Amerikaner außerdem, das stelle ich immer wieder fest, ihr Unverständnis von Fußball, ihre Eiweiß-Obsession und der alle Gesellschaftsschichten umfassende Wunsch, keine Steuern zu zahlen.
Vielleicht sollte ich doch versuchen, bis um 300. Geburtstag der USA am Leben zu bleiben. Wenn die Feier wieder todlangweilig wird, passe ich wenigstens als Friedhofsgemüse gut rein.