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11. September 2026
KOLUMNE
9/11/20264 min read
Die westliche Welt von heute kann man in zwei Parteien teilen: Die einen erinnern sich noch genau, was sie am 11. September 2001 gemacht haben, die anderen waren zu dem Zeitpunkt zu jung oder nicht einmal geboren. Ich gehöre zur ersten Kategorie, war fünfzehn Jahre alt und in der achten Klasse. Ohne Smartphones erfuhren wir erst nach Schulschluss aus den Fernsehnachrichten von der Katastrophe, die sich an dem Morgen ab 9 Uhr Ortszeit in New York ereignete. Am nächsten Tag, dem 12. September, wurde in den Pausen spekuliert und sich aufgeregt. Eine Mitschülerin erzählte, die Freundin ihrer Mutter habe am 11. einen Termin in den Twin Towers gehabt und verschlafen. Ich weiß bis heute nicht, ob sie die Wahrheit sagte oder schockieren wollte. Meine türkische Freundin dagegen sagte nichts, stand nur beschämt da, denn es wurden die Aufnahmen der Islamisten diskutiert, die das Attantat vor laufenden Kameras feierten – der Trend, alle Muslime in einen Topf zu stecken war auch damals beliebt; meine Freundin wurde mit Misstrauen beäugt. Dann war ich dran.
Ein Lehrer erzählte uns davon, dass einer der Terroristen aus Hamburg-Harburg, unserem Stadtteil kam. „Marienstraße“ hörte ich ihn sagen, sah meine Freundin ungläubig an, wurde knallrot. Das war meine Straße. Auf dem Heimweg am 12.09 sah ich ein paar Häuser weiter mehrere Kamerateams und begriff, dass dort die Wohnung des Mörders sein musste. Ich sah immer wieder ein Kamerateam dort, bis zu dem Tag im Frühling 2002, an dem wir wegzogen. Das taten wir nicht wegen des Terroristen Mohammed Atta, der bis vor kurzem noch nebenan wohnte; meine Eltern hatten ein Reihenhaus gekauft. Ich hörte nie auf mir zu wünschen, der Umzug wäre ein halbes Jahr früher geschehenIn der Realität lebten jedoch in einer Wohnung im Haus Nummer 62; Atta, der als Anführer der Terroristen galt und das erste Flugzeug in den Nordturm der damals höchsten Gebäude der Welt, der Twin Towers, flog, mietete in der Nummer 54. Vier Häuser Abstand, aber mit einer Straße zwischen 58 und 60, was mich beruhigte – die Kameraleute würden sicher kein Interesse an mir haben. Ich fühlte mich dreckig, als würde ich in der „Gosse“ leben, oder wie man früher politisch inkorrekt sagte, im „Ghetto“, wo fanatische Mörder jahrelang unbemerkt planen, möglichst viele Amerikaner umzubringen. Insgesamt starben fast 3.000 Menschen am 11. September 2001, mehr als 5.000 kamen später an den Folgen der Anschläge ums Leben, zu denen sich die Terrorgruppe Al-Quaida bekannte.
Diejenigen, die alt genug sind, wissen: Erst kam der Afghanistan-Krieg, darauf folgte der Irakkrieg und die Deutschen, wie viele andere Nationen, wurden zu Bush-Hassern. Schnell machten Propaganda-Videos auf Youtube die Runde, die die US-Regierung selbst an den Attentaten beschuldigten (beim Hamas-Attentat vom 7. Oktober 2023 war es ähnlich). Auf 9/11 folgten zahlreiche Terroranschläge mit Hunderten von Opfern, darunter auf Bali, in Madrid und London, in Mumbai und Paris. Boko Haram entführte 276 Mädchen in Nigeria, wofür einige westliche Medien Barack Obama beschuldigten, anstatt die Terroristen selbst. ISIS errichtete einen Terrorstaat und verübte einen Genozid an den Jesiden. Nach dem Abzug der Amerikaner aus Afghanistan machen die Taliban das Leben für die Afghaninnen zur Hölle. Osama Bin Laden wurde zwar eliminiert und seine Al-Quaida dezimiert, doch der islamistische Terror bleibt weiterhin bestehen.
Denjenigen, die damals zu jung waren, scheint das gleichgültig zu sein: Umfragen ergeben, dass der Großteil der US-amerikanischen Generation Z Al-Quaida gar nicht kennt, in Deutschland wird das ähnlich sein. Auf TikTok trendete Bin Ladens irrer „Brief an das amerikanische Volk“ gar kurzweise im Jahr 2023; Influencer aus westlichen Ländern behaupten, der blutrünstige Westhasser habe Recht gehabt! Der in den USA beliebte Comedian Pete Davidson, dessen Vater an 9/11 verunglückte, trat auf dem saudi-arabischen Riad-Comedy-Festival auf. Als er gefragt wurde, warum er für ein Regime arbeite, das indirekt am Tod seines Vaters beteiligt sei, antwortete er: „Fürs Geld“.
Aber zurück nach Harburg: Ich empfand schon 2001 den deutschen Umgang mit der Terrorschuld als zu verhalten. Ganze drei Selbstmordattentäter, Piloten dreier Flugzeuge, die am 11. September die USA angriffen, waren Teil der sogenannten Hamburger Terrorzelle! Hinzu kommen fünf weitere Terroristen, die entweder festgenommen wurden oder entkommen konnten. Als Teenager war ich von der deutschen Presse und dem Fernsehen Sensationsgeilheit gewohnt. Wo war diese nun?
Es wurden keine Spielfilme gedreht, keine Kommilitonen und Professoren der Technischen Uni Hamburg-Harburg, an der Atta ganze neun Jahre immatrikuliert war, wurden durch die Talkshows gescheucht und ausgequetscht; niemand trat von irgendeinem Posten zurück. Die Kamerateams aus der Marienstraße hatten nichts Erhellendes produziert außer Aufnahmen von ein paar betretenen Nachbarn, die sagten, Atta sei unauffällig und höflich gewesen. Die Hamburger Moschee, die die Terrorzelle frequentierte und wo man sicher nicht nur über das TU-Studium zu plaudern pflegte, wurde erst 2011 geschlossen. Die Campusbaracke, in der sich die Terroristen zur „Islam-AG“ trafen stand noch jahrelang an der TU herum, wie ich neulich durch diesen Artikel erfuhr (und fragte mich gleich, ob ich nicht mal auf irgendeiner Studentenparty dort gelandet bin). Auch erfuhr ich, dass gegen die sogenannte Rasterfahndung geklagt wurde, anstatt sie als notwendige Antiterrormaßnahme anzunehmen.
Nur ein Jahr nach 9/11, mit sechzehn, sah ich Ground Zero auf einer Klassenreise nach New York, ein Anblick, der uns alle zu Tränen rührte. Zehn Jahre später besuchte ich den neuen World-Trade-Center-Komplex, der anmutig, kolossal und traurig wirkt. Wenn ich Amerikanern von dem seltsamen Zufall meines damaligen Wohnorts erzähle, sind sie schockiert. Sie sagen, ich sei in Gefahr gewesen. Erst viel später wurde mir klar, dass in Hamburg so viel mehr hätte passieren können. Doch man tat so, als sei die Gefahr weit weg oder schon überwunden. Wir hatten Glück, doch das befreit uns nicht von der Verantwortung für 9/11. Das Mindeste, was wir tun können, ist diese Katastrophe nie zu vergessen und sie mit mehr Nachdruck an kommende Generationen weiterzugeben, damit sie nicht für Geld und Likes Mördern schmeicheln.

